NEAR EARTH ORBIT – Artificial Intelligence

Ein Interview von Karin Hook für Sonic Seducer

Künstlerische Intelligenz ist das zentrale Thema des neuen Albums von N.E.O.: In einer nicht allzu fernen Zukunft sind humanoide Roboter etwas Alltägliches. Aber beherrschen wir die Maschinen oder beherrschen die Maschinen uns? Sind uns die humanoiden Roboter gar längst schon überlegen? Mit „Artificial Intelligence“ schlagen N.E.O. ein weiteres Kapitel ihrer dystopischen Saga um eine von den Menschen selbstverschuldete Apokalypse auf. Ihre düstere, illustrative Musik zwischen Brachialgewalt und ergreifender Melancholie sowie eine mit ergänzenden Hinweisen ausgestattet Webseite bieten erneut Anregungen für philosophische Gedankenspiele und imaginäre Filme, lenken aber gleichzeitig die Aufmerksamkeit auf durch und durch reale Bedrohungen im Hier und Jetzt. Die Menschheit steht am Abgrund: Wie wird es weitergehen?

Ist „Artificial Intelligence“ eine Fortsetzung eures dystopischen Epos´? Ein neues Kapitel? Wovon handelt „Artificial Intelligence“? Artaud: Das Grundkonzept von N.E.O. unterliegt dem realen Szenario das wir, die Menschheit, mit unserem Verhalten die eigene Existenz zerstören. Wir berauben uns der Grundlage des Seins indem wir den Planeten, auf dem wir leben, ausbeuten und somit suggestive Zerstören. Zudem erschaffen wir Dinge, die uns in naher Zukunft bedrohen werden und, als wenn das alles noch nicht genug wäre, verschließen wir die Augen vor den Folgen der totalen Überbevölkerung der Erde. Dieses wird, und da muss man wahrlich kein Prophet sein, unweigerlich zu großen Konflikten führen. Dieses Szenario aus Kriegen, Katastrophen und totaler Zerstörung greift N.E.O. auf und spinnt eine fiktive Geschichte um eine Botschaft aus der Zukunft, die davor warnt. Diese Katastrophen sind unausweichlich, nicht nur in der Fiktion, sondern in naher Zukunft auch in der Realität. Es ist eine Warnung. Eine Warnung, die aus der Zukunft stammt, als Korrektiv um die Apokalypse aufzuhalten. Der Mensch wird allerdings nicht auf diese, wie auf andere Warnungen hören. Um dem Ganzen etwas mehr Nachdruck zu verschaffen, haben wir die Apokalypse, den Weltenuntergang, aufgrund wissenschaftlicher Erhebungen und Einschätzungen auf den 16. März 2034 datiert.

Wo spielt „Artificial Intelligence“? Erde? Eine Erdkolonie? Irgendwo in einem Paralleluniversum? Artaud: Ein zentrales Thema auf A.I. ist die Unausweichlichkeit, dass die Menschheit sich auf Generationsraumschiffen in den Interstellaren Raum aufmachen muss um als Spezies zu überleben. Die Mission E.D.E.N., eine fiktive Organisation zur Rettung der Menschheit, hat mit dem Ziel zur Besiedelung anderer Erdähnlicher Planeten, mehrere dieser Raumgleiter auf den Weg gebracht. Jedes Raumschiff dieser Mission, ist so aufgebaut, dass sie sich selbst versorgen kann. Ein Zitat von Stephen Hawking hat mich auf die Idee gebracht, indem er eine solche Mission als das wichtigste Ziel der Menschheit beschrieb. Mein Ansatz war, wie leben diese Menschen dort zusammen und wer leitet und kontrolliert sie? „All A.I.“, heißt die Antwort. Alles wird von einer Künstlichen Intelligenz gesteuert. Diese ist Fluch und Segen zugleich. Die hauptsächliche Gefahr liegt in der Singularität, dass „Maschinen“ aus sich selbst heraus immer schlauer und unkontrollierbarer werden. Naturgemäß wird bzw. wurde, um im Bild der Mission zu bleiben, die A.I. immer intelligenter und dem Menschen schlussendlich bei weitem überlegen. Diese Bedrohungen ist ebenfalls eine Reale. Man denke da nur an die technologischen Möglichkeiten, die sich dem Militär offerieren. Schon heute gibt es sogenannte Killerdrohnen, die sich ihre Ziele selbstständig suchen und vernichten. Oder drastischer ausgedrückt: schon ein Hashtag oder Post könnte der Künstlichen Intelligenz als Hinweis reichen, um uns als Feind zu klassifizieren! Überwachungskameras werden ihre Augen sein, die Drohnen des Militärs ihr Werkzeug und die Medien ihr Steuerungs-Apparat als komplettes System zur Unterdrückung der Menschheit.

Was hat es mit der beigefügten „Annihilation Map“ auf sich? Artaud: Mit Hilfe von Regionscodes kann man schauen, ob man zu den wenigen Überlebenden gehört. Diese Liste ist nicht wahllos. Zudem gibt sie Aufschluss darüber, warum und woran die Bewohner der Region verstorben sind. Der Code für Mitteleuropa ist übrigens „E3“. Die „Annhililation Worldmap“ findet man unter N-E-O.org.

Wo befinden sich diese Regionscodes? Artaud: Die gesamten Codes kann man der limited Edition des A.I. Albums entnehmen.

Stichwort: Künstliche Intelligenz Eure Gedanken dazu bitte. Artaud: Ich halte es für Fluch und Segen zugleich. Natürlich kann man durch A.I. Technologien vieles positiver gestalten. Die Ernährungsproblematik wird effizienter gesteuert, der Mensch wird durch medizinische Fortschritte älter und gesünder werden und wir erhalten mehr Zeit und Raum für die Lebenswerten Dinge des Seins. Das alles ist absolut positiv. Leider hat der Mensch schon immer neue Technologien dazu missbraucht, um seinem Streben nach Macht, Ruhm und Unterdrückung Andersdenkender zu nutzen. Das, und die von mir genannte Singularität wird leider maßgeblich sein.

Wie wichtig ist für euch der philosophische Hintergrund? Artaud: Wir nutzen ihn als Träger einer echten Botschaft. Wir philosophieren und deklinieren die möglichen Weltuntergangsszenarien durch, um Aufmerksamkeit für die uns real bedrohende Szenarien zu generieren.

„Artificial Intelligence“ ist für mich natürlich auch wieder Kopfkino. Filme, die mir dazu einfallen: Ex Machina, Blade Runner (beide) und „Screamers“. Spielen Filme bei euch überhaupt eine Rolle als Quelle der Inspiration oder ist das eher mein persönlicher Eindruck? Artaud: Die Hauptquelle der Inspiration kommt aus mir selbst. Der „Film“, wenn man das so nennen mag, läuft also in meinem ganz privaten Kopfkino ab (lacht). Aber klar, auch wir sind nicht von externen Inspirationsquellen gefeit. Warum auch? Ein Kreativer braucht nun mal auch Input. Der Film „Ex Machina“, den ich persönlich sehr mag, hat aber z.B. nichts mit dem Opener Track DEUS EX MACHINA zu tun. Mein inneres Bild war hier mehr eine Art „Gottes Maschine“ zu schaffen. Quasi als Synonym für eine riesiger A.I. gesteuertes, singuläres Gehirn.

Ich finde dieses Mal musikalisch besonders das Wechselspiel zwischen einerseits Brachialität, Wucht und anderseits sehr melodischen Parts sehr faszinierend im Besonderen bei „Singularity“ oder vielleicht später durch die female vocals. Ich interpretiere das für mich als Gegenpol Mensch – Maschine. Könnt ihr bitte darauf eingehen? Artaud: Das stimmt. Ziel war es die Zerbrechlichkeit des Menschen, der Aggression, dem Wissenshunger der Maschinen gegenüber zu stellen. HUMANOID zeigt diese Zerbrechlichkeit sehr schön, finde ich.

Wie würdet ihr „Artificial Intelligence“ musikalisch verorten? Mir scheint es noch ein wenig experimentierfreudiger zu sein, während es gleichzeitig sehr auf den Punkt gebracht ist. Artaud: Ich mag das gar nicht einordnen wollen. Die Alben sind so, wie es die Thematik verlangt. Ab und an höre ich, dass wir am Anfang mit der END OF ALL EXISTENCE Trilogie härter und krasser gewesen wären. Nun wären vermehrt ruhige und zerbrechliche Töne zu hören. Das stimmt ja auch und ist durchaus auch so gewollt. Obwohl gerade ein Song wie I.R.I.S. UNVEILED krasser, drastischer und verstörender kaum sein kann. Der Song ist sowas wie das Herz des Albums.

Gibt es einen Song, dem eine zentrale Bedeutung zukommt? Falls ja, weshalb? Artaud: Ich mag SINGULARITY sehr gerne. Er war der erste Song den wir für ARTIFICIAL INTELLIGENCE geschrieben hatten. Der lag tatsächlich erst mal ein paar Monate rum und ich wusste nicht so genau, wie er in das verstörende Weltbild von NEAR EARTH ORBIT passen sollte. Jetzt weiß ich, dass er ganz wunderbar in die „NEOsphäre“ passt.

Wird es eine erneute Fortsetzung geben? Artaud: Irgendwann bestimmt. Ein N.E.O. Album, von der Idee bis zum finalen Mix, dazu die ganzen Videos, Trailer, Webseiten Programmierung und die Live Umsetzung auf die Beine zu stellen, ist allerdings ungeheuer zeitaufwändig. Faktisch habe ich ein Jahr lang sogut wie nichts anderes gemacht. Da kommt vieles einfach zu kurz. Ich habe ja noch mit SOLAR LODGE ein Label zu betreuen und stecke ja noch in ein paar anderen Projekten. Also ja, aber nicht so schnell.

Was ist als nächstes geplant für Near Earth Orbit? Artaud: Wir spielen jetzt erst mal ein paar Konzerte. U.a. auch auf unserem Labelfestival, der CONVENTION am 14. September in Oberhausener Kulttempel.

www. N-E-O.org

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