WHISPERS IN THE SHADOW – „Das Offensichtliche liegt mir nicht“

Der Himmel ist wolkenverhangen und die überraschend warme Luft riecht nach verwesenden Blättern. Vereinzelt sieht man ein paar verkleidete Kinder auf den Straßen, aber im Jahr 2020 sind zum heutigen Halloween alle Menschen maskiert. Ich bin mit Ashley Dayour, Frontman und Mastermind von WHISPERS IN THE SHADOW, im weiträumigen Altwiener Cafè Schopenhauer zum Interview verabredet. Die Veröffentlichung des 10. Studioalbums YESTERDAY IS FOREVER steht unmittelbar bevor und ich habe einige Fragen. Wir lassen uns auf einer bequemen rot-beige-gestreiften Sitzgruppe nieder und ich lege die frisch gepresste CD zwischen uns auf den Tisch. Bei Cappuccino und Mohnkuchen kommen wir gleich zur Sache.

Ashley, YESTERDAY IS FOREVER. Ernsthaft? Ich habe ganz bewusst einen Titel gewählt, den man auf verschiedene Art und Weise deuten kann. Ist das so zu verstehen wie es dasteht? Oder doch zynisch/zweideutig gemeint? Oder schwingt hier am Ende sogar eine Prise Humor mit? Ich denke, wenn man sich etwas eingehender mit den Texten und deren Darbietung befasst, wird relativ schnell klar, wie ich das meine.

Es handelt sich um euer 10. Studioalbum im 24-jährigen Bandbestehen. Wird es mit den Jahren leichter oder schwerer ein neues Album zu schreiben? Ohne jetzt jammern zu wollen, aber es wird eindeutig schwerer. Vor allem dann, wenn man sich, wie ich, immer weiterentwickeln möchte. Vieles wurde schon gesagt, viele Ideen schon verwendet. Allerdings, sobald mal eine Linie und eine Idee da ist, wenn ich weiß, wohin die Reise gehen soll und wie ich ans Ziel komme, sprich Instrumentierung, Themen, Stimmungen etc. klar sind, geht es relativ schnell. Dann dauert es nur ca. 3 Monate bis ein Album steht. Der Weg bis dahin kann etwas länger dauern und mühsam sein. Ich werfe sehr viel Material weg mit dem ich nicht zufrieden bin oder dass nicht so klingt, wie ich mir das vorgestellt habe. Das ist der schwierige Teil.

Wie geht ihr die Arbeit an einem neuen Album an? Gibt es vorher einen konkreten Plan oder arbeitet ihr einfach drauflos? Meistens gibt es in etwa einen Plan, was ich sagen will, welche Stimmungen wir erzeugen wollen und in etwa welche Themen wir behandeln. Ich würde nicht so weit gehen und jedes Album von uns als richtiges Konzept-Album bezeichnen, aber es geht in diese Richtung. Einfach nur wild drauflos musizieren, das liegt mir überhaupt nicht. Die Vergangenheit hat auch gezeigt, genau diese Songs sind unsere schlechtesten.

Welchen Song auf dem Album hast du zuerst geschrieben, welchen zuletzt? Der erste, der es auf das Album geschafft hat, ist interessanterweise auch der erste auf dem Album: FOREVER 1985. Er nimmt viele der Themen vorweg. Das kommt bei mir immer wieder vor, dass der Opener eines Albums fast schon so was wie eine thematische Inhaltsangabe ist. Lustigerweise passiert das ganz von selbst, da denke ich gar nicht groß drüber nach. Die letzten beiden Songs, die fertig wurden, waren THE WAR THAT NEVER WAS und STRAIGHT & NARROW, beides also etwas experimentierfreudigere Stücke, die dem doch sehr melodiösen und zugänglichen Album den nötigen Twist geben.

Im Video zu WALK ON THE MIRROR schleifst du anfangs deine E-Gitarre hinter dir her und bindest sie an einem Baum fest, um anschließend mit der Akustikgitarre zu performen. Für mich ein Bild, das exemplarisch für das gesamte Album steht, da sich die Klänge der Akustikgitarre wie ein roter Faden durchs Album ziehen. Wie kam es dazu, dass du die E-Gitarre eingetauscht hast? Ich habe einfach klangliche Ausdrucksweisen gesucht, die wir im Band eigenen Kosmos noch nicht oder nur sehr wenig hatten. Und natürlich gibt es auf dem Album auch E-Gitarren zu hören, allerdings nur in der Funktion als Lead Gitarre. Verzerrte Heavy Power Chords sucht man vergeblich. Nach dem sehr lärmigen und punkigen THE URGENCY OF NOW, also dem Album davor, erschien mir das, wie der nächste logische Schritt. Ursprünglich wollte ich den Sound der letzten Platte ja sogar beibehalten, da ich das Gefühl hatte, da ist noch nicht alles gesagt. Nach den ersten Songideen, die diese Richtung weiterverfolgten, wurde mir jedoch ganz schnell ganz schön langweilig.

Neben der Akustikgitarre ist THE WAR THAT NEVER WAS die größte Überraschung auf dem Album. Marching Whispers, ein Trommelwahnsinn begleitet von Flötenklängen und Anti-Kriegsgesang. War es an der Zeit für einen Whispers-Protestsong, oder was steckt dahinter? Der Song erzählt eine Geschichte. Zwei Armeen ziehen aus, um Krieg zu spielen, treffen sich aber aus irgendwelchen Gründen nie, kehren wieder nach Hause zurück und sind ohne Krieg glücklicher. Inspiriert wurde ich von Regisseur Werner Herzog, der hatte diese Idee für eine Kurzgeschichte, die er dann aber nie geschrieben hat. Ich fand das als Ausgangspunkt sehr spannend, weil es die Unsinnigkeit und das Absurde von Krieg sehr gut veranschaulicht. Die musikalische Umsetzung lag dann natürlich auf der Hand. In dem Fall war der Text schon vor der Musik fertig, was bei mir sehr selten der Fall ist.

Neben diesem fast schon exotischen Ausreißer, der auf so gut wie jedem Whispers-Album zu finden ist und damit schon Tradition hat, gibt es natürlich jede Menge klassische Whispers Gothic-Rock-Songs. THE I IN THE VOID möchte ich da als besonders gelungen hervorheben. Wie wichtig ist es dir, dass Whispers bei aller Veränderung und Entwicklung auch immer noch als Whispers erkennbar sind? Das stimmt wohl, es gibt auf vielen unserer Alben diesen einen Song, diesen „Was ist denn jetzt los?“-Moment. Ich mag so was. Genau dann, wenn man denkt: „Okay, jetzt habe ich es verstanden“, kommt so was um die Ecke.
Ich denke, dass wir uns mit manchen Songs und Themen schon sehr weit aus dem Fenster lehnen, aber unser Publikum ist clever genug, um zu verstehen worum es dieser Band von Anfang ging. Zu Whispers wird die Musik meist ohnehin erst im Studio, wenn alle dazu beigetragen haben. Meine Demos klingen oft noch weiter entfernt von „unserem“ Sound. Ich bin, bei aller Veränderungswut, dann doch immer recht froh, wenn der Punkt kommt und man sehr eindeutig diese Band erkennt. Es ist ja jetzt auch nicht so, dass wir plötzlich Free Jazz machen würden. Wir schlagen zwar schon den einen oder anderen Haken, ich finde aber, dass es immer diese Band geblieben ist. Dazu trägt alleine schon meine Stimme bei. Die ist sehr limitiert. Was Fluch und Segen zugleich ist.

Beim Anhören des Albums bekommt man das Gefühl, dass einige Textzeilen durchaus ironisch gemeint sind und wenn man sich deine Performance im Video zu FOREVER 1985 ansieht, verstärkt sich dieser Eindruck noch. Hast du keine Angst, dass das Publikum die Ironie möglicherweise nicht versteht? Nein, das wäre ja nur die Hälfte des Spaßes. Ich denke aber, der Text ist doch relativ eindeutig. Wenn das jemand nun noch immer nicht versteht, dann finde ich so viel Naivität schon fast wieder süß und dann soll das so sein.

Nostalgie bzw. die rigorose Ablehnung von Nostalgie sind Themen auf dem Album. Gibt es Situationen oder Themen, die Nostalgie oder Sentimentalität in dir auslösen? Die meisten meiner Lieblingsthemen und Musiken habe ich ständig um mich, die sind mit mir gewachsen. Daher wirkt das nicht nostalgisch auf mich. Das Aufwärmen alter, nur rückblickend lustiger, Geschichten vielleicht auch. Aber niemals kommt mir der Gedanke, dass ich mich in diese alte Zeit zurücksehne. Ich bin ganz froh, dass das alles in der Vergangenheit liegt. Was wohl auch daran liegt, dass ich mich im Hier und Jetzt sehr wohl fühle. Das war aber nicht immer so.

Also diese alten, lustigen Geschichten würden mich nach dem Interview noch brennend interessieren. Statt einer Hinwendung zur Vergangenheit plädierst du dafür, der Zukunft offen und furchtlos entgegen zu treten. Das verlangt einen gewissen Optimismus. Ist Whispers eine optimistische Band? Das ist tatsächlich eine sehr gute Frage und erfordert eine etwas längere Antwort. Auf jeden Fall sind wir eine furchtlose Band. Das klingt, wenn ich das so sage, sicherlich etwas großspurig, aber wenn man sich unsere Karriere ansieht, ist das wirklich so. Wir haben immer gemacht, was wir wollten, auf Teufel komm raus. Wenn ich auf etwas stolz bin, dann auf das. Manchmal waren wir dabei auch richtig gut, manchmal nicht so ganz und manches hat auch künstlerisch nicht so funktioniert, wie es hätte sollen. Das ist eben das Risiko. Aber sind wir wegen der Furchtlosigkeit auch eine optimistische Band? Ich glaube, das kommt auf die Phase drauf an. Anfangs sicherlich nicht, aber da waren wir ja alle noch fast Teenager und suhlten uns im Weltschmerz, wie sich das für eine Grufti-Band bestehend aus Anfang 20ern gehört. Es wäre etwas seltsam, wenn ich heute auch noch so denken und so drauf sein würde. Da wäre wirklich was falsch gelaufen. Vielleicht wurden wir mit unserer Okkult-Phase, also so ab 2008 sogar wirklich so was wie eine optimistische Band, weil ja diese Reise durch sämtliche okkulte Lehren und Themen genau darauf abzielt. Wenn man Okkultismus ernst nimmt und ihn nicht nur als Aufwertung oder aus Imagegründen verwendet, wird schnell klar, dass trotz aller Schattenarbeit und Düsternis der Weg selbst ein optimistischer ist. Am Ende geht es um Transzendenz und Progression. Es mag Leute geben, die den, nennen wir ihn „okkulten Weg“ mit Nihilismus verwechseln, das ist aber nur dann so, wenn man stecken bleibt. Meines Erachtens. Ich würde also sagen, wir sind eine optimistische Band geworden, weil wir als Menschen und auch als Künstler gewachsen sind. Das bedeutet aber nicht, dass wir nur noch Drei-Minuten-Pop-Songs schreiben oder uns allem Negativen verwehren. Ganz im Gegenteil. Es ist aber ein Unterschied, ob man sich im selbst mitleidigen Weltschmerz suhlt, oder diesen erkennt und daraus etwas Neues schafft.

Dem Pressetext habe ich entnommen, dass die Texte diesmal im „Stream of Consciousness“ entstanden sind, wie kann man sich das konkret vorstellen? Das war nur bei zwei Songs so, und zwar STRAIGHT & NARROW und THE HORROR. Ich habe das auch früher schon gemacht, allerdings jetzt schon sehr lange nicht mehr. Ich setzte mich hin, lasse den Song auf mich wirken und schreibe einfach drauflos, egal ob die Zeilen Sinn ergeben oder zusammenpassen. Und da kam diesmal bei STRAIGHT & NARROW auch dieser deutsche Satz: „Was für ein Spaß!“ aus mir heraus. Ich habe keine Ahnung, was das alles bedeutet.

Das heißt du warst selbst von den Texten, die so entstanden sind, überrascht? Bei manchen Passagen stellte sich heraus, dass sie wohl von Träumen, die ich kurz davor hatte, inspiriert wurden. Was ja auch Sinn macht, wenn man dem Unbewussten die Kontrolle übergibt. Das Meiste bleibt wohl für immer verschlüsselt bzw. es gibt verschiedenste Interpretationsmöglichkeiten, nicht nur für die Hörer, auch für mich. Also genau das Gegenteil von einem Text wie eben A WAR THAT NEVER WAS, der sehr statisch ist und eine Geschichte erzählt. Ich finde beides sehr spannend und wie auch bei der Musik sind wir auf diesem Album auch hier sehr divers unterwegs und decken ein großes Spektrum ab.

Vor der Veröffentlichung habt ihr zwei Songs als Singles ausgekoppelt: FOREVER 1985 und WALK ON THE MIRROR. Zwei sehr unterschiedliche Songs. Nach welchen Kriterien wählt ihr die Singles aus? Natürlich sind es oft die eingängigen Stücke, die man dazu auswählt, allerdings auch nicht immer, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Wenn man etwa BLOOD, SWEAT AND TEARS (Anmerkung: vom Album THE ETERNAL ARCANE) oder THE RITES OF PASSAGE (Anmerkung, vom gleichnamigen Album THE RITES OF PASSAGE) hernimmt. Das waren sicherlich nicht die offensichtlichsten Kandidaten für Videoclips. Auch wichtig ist, dass Edie Calie, ihres Zeichens für alle WHISPERS IN THE SHADOW Videoclips verantwortlich, etwas mit den betreffenden Songs anfangen kann und sie die Songs und Themen der jeweiligen Stücke zu Ideen inspirieren. Diese entstehen dann in einer engen gemeinschaftlichen Arbeit. Vieles davon sehr spontan und intuitiv. Das ist ein sehr befreites kreatives Arbeiten, wo vieles aus dem Moment heraus entsteht, mit den Mitteln die wir haben oder auch erst vor Ort auffinden. Ich schätze das sehr.

Kannst du etwas zu den Videos und deren Entstehung erzählen? FOREVER 1985 ist ein Performance Video der etwas anderen Art. Jedes Bandmitglied ist für sich alleine abgeschottet von den anderen. Im Nachhinein erstaunlich, wie sehr wir da dem Zeitgeist der Isolation entsprechen.

WALK ON THE MIRROR geht einen völlig anderen Weg, ist teils gemeinsame Bandperformance, teils ein Spaziergang mit mir durch den „Perfumed Garden“. Wir wollten einen sehr psychedelischen Clip drehen, der die entrückt romantische Stimmung des Songs einfängt. Ich finde dieser Trip ist uns sehr gut gelungen. Ich und auch alle anderen in der Band halten den Clip für unser bestes Video.

ADRIFT, das finale Video von YESTERDAY IS FOREVER, wird gerade in diesem Moment fertiggestellt und ist die direkte Fortsetzung von WALK ON THE MIRROR. Das Erwachen nach dem Spaziergang/Trip/Traum und das Zusammentreffen mit dem schon besiegt geglaubten übermächtigen Ego im „Grand Hotel Abyss“, das auch in den Lyrics Erwähnung findet. Der Endgegner sozusagen. Mir ist wichtig, dass Videos mit ihren Ideen unterhalten und zumindest in Teilen eine Geschichte erzählen. Das ist etwas, was mir heutzutage bei so vielen Clips fehlt. Da geht es nur darum ein Image zu präsentieren. Da wird mir beim Anschauen meistens sehr schnell langweilig. Und nein, man braucht nicht immer ein riesen Budget, man braucht Ideen und ein wenig Mut. Ich finde es gerade bei Videos interessant, mit dem Image auch mal ganz bewusst zu brechen, in die Rollen zu schlüpfen, die die Songs eben aufdrängen. Im Idealfall ist ein Video mehr als ein Promo Tool. Ich denke, dass ist uns diesmal ganz gut gelungen.

Es gibt ein Thema, auf das ich ehrlich gesagt ungern zu sprechen komme, weil ich Szene-Diskussionen müßig und für alle über 25, infantil finde. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich den schwarzen Elefanten im Raum ignoriere, wenn ich es nicht anspreche. So here we go: In Textzeilen wie „Give me a passion project. Another old-school song. Another reason to make you listen. To the same tune. On and on”, und “A better scene. A better sound. A truer, a darker underground”, höre ich so was wie Szene-Kritik raus. Höre ich richtig? Oder handelt es sich um eine Form der Selbstkritik, da ihr selbst seit 24 Jahren fester Bestandteil der Gothic-Szene seid? Beides. Es ist halt ein Jammer, wie sehr die Szene seit vielen Jahren auf der Stelle tritt. Wirklich spannende düstere Musik wird ja meines Erachtens mittlerweile woanders gemacht. Es ist erstaunlich, wie wenig diese Szene an Progression und Weiterentwicklung interessiert ist und wie konservativ alles geworden ist. Gerade wenn man bedenkt, woher das alles gekommen ist. Wobei sich hier die Katze in den Schwanz beißt, weil das kann man jetzt wieder als „Früher war alles besser“ verstehen. Und das ist wohl der Satz, den dir jeder Grufti nach 10 Minuten ungefragt um die Ohren hauen wird. Ich sehe mich als Teil des Problems, ja. Ich bin mir aber dessen bewusst. Das wir uns da etwas aus dem Fenster lehnen ist klar, aber ich konnte diese ewige Selbstbeweihräucherung à la „Wir sind wir“ nur mehr schwer ertragen und als alter Punk kann ich natürlich nur schwer meinen Mund halten. Mag sein, dass uns das die eine oder der andere jetzt übel nimmt, aber in den Tiefen ihrer pechschwarzen Herzen wissen sie natürlich, dass das alles stimmt. Ich bin selbst erstaunt, dass sich diesem Thema noch niemand angenommen hat. Aber an Kritik ist ja nur derjenige interessiert, der sich mit dem Satus Quo nicht zufriedengibt.

Die Gothic-Szene befindet sich im Spannungsfeld zwischen Vergangenheitszuwendung, -romantisierung (Stichwörter: Viktorianische Zeit, klassische Literatur von Edgar Allan Poe und Baudelaire) und Punkwurzeln. Wo würdest du Whispers da verorten? Ich wurde sagen irgendwie beides. Ich habe eine große Vorliebe für diese Romantik-Epoche. Man sollte sie nur nicht zu ernst nehmen, weil natürlich waren diese Leute Kinder ihrer Zeit. Das Punkige, Aufwieglerische war bei Whispers von Anfang an vorhanden. Mal mehr mal weniger. Vielleicht sind wir also eine Band die dieser Vergangenheitszuwendung mit einem Punk-Ethos begegnet? Das könnte es ganz gut treffen

Aber würde der von euch besungene Nostalgie-Hammer nicht einige Anhänger/innen der Schwarzen Szene in eine ernsthafte Identitätskrise stürzen? Es muss ja nicht gleiche eine Identitätskrise sein, aber vielleicht ein kurzes Nachdenken. Und ein in Frage stellen, ob dieses „aber wir sind wir“ oder „wir sind, was wir sind“ wirklich die Antwort sein kann.

Kommen wir zum Schluss noch auf das bestimmende Thema dieser Zeit zu sprechen. Während wir hier sitzen und reden, verkündet die Österreichische Regierung gerade den zweiten Lock Down ab nächster Woche. Welchen Einfluss hat die Pandemie auf deine Kreativität? Gesellschaftlich existiert das Bild, dass Künstler/innen Krisen als Input ihrer Kunst verwenden und in gewisser Weise sogar brauchen, wie ist das bei dir? Ich finde das Bild des leidenden Künstlers ist eines der dümmsten und falschesten Klischees überhaupt. Auch hier glaube ich, dass sowas in jüngeren Jahren vielleicht zutreffen kann, da man ganz bewusst damit spielt und es dieses Adoleszente ja auch sehr fördert. Aber wenn du dir Interviews von kreativen Menschen, die das seit vielen Jahren machen, ansiehst, dann stellt sich schnell heraus, dass jeder irgendwann erkannt hat, dass das Unsinn ist. Wenn man zum Beispiel wirklich arge Depressionen hat, dann kann man nicht mal das Bett verlassen, geschweige denn konzentriert an einem Stück arbeiten. Ich finde es an der Zeit, endlich Schluss mit diesen Klischees zu machen. Gerade im Musik-Bereich leiden viele Leute an psychischen Erkrankungen, aufgrund der oft prekären Arbeitssituation kein Wunder. Suizid ist in diesem Bereich alarmierend hoch. Man fängt gerade erst an, das auch anzusprechen und es findet endlich Öffentlichkeitsarbeit dazu statt. Der Irrglauben, dass das halt zum Musiker/Künstler Dasein dazu gehört, muss endlich aufhören. Es ist nichts Romantisches daran. Natürlich wird die Pandemie auf alles Einfluss nehmen und Auswirkungen haben, aber ich sehe das eher auf einer logistischen, wirtschaftlichen Ebene als auf einer künstlerischen.

Also ist von dir auch in Zukunft keine Corona Kunst zu erwarten? Offensichtliche „Corona Kunst“ in dem Sinn nicht. Das Offensichtliche liegt mir nicht.

Wie gehst du privat mit dieser aktuellen Unsicherheit um? Irgendwelche Tipps? Bisher sehr gut, Unsicherheit ist für einen Musiker kein Fremdwort, sondern eher so was wie der Normalzustand. Damit komme ich gut zurecht. Ich habe mich von Anfang an darauf eingestellt, dass das alles mitunter richtig lange dauern wird. Ich übe mich in Geduld und Demut und versuche in dem ganzen Wahnsinn der zurzeit abgeht – Corona ist ja nur ein Teil davon – einen halbwegs klaren Kopf zu bewahren. Ich bin in der glücklichen Lage, dass meine Lebenssituation eine sehr gute ist, was Wohnung und das Zusammenleben angehen. Den Lockdown, dieses Runterfahren im Frühjahr, habe ich sogar sehr genossen, und ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die das genauso empfanden. Vor allem, dass dieser ewige Wettbewerb für ein paar Wochen mal ein Ende gefunden hat, war eine schöne Erfahrung. Aber natürlich ist mir vollkommen klar, dass es Menschen gibt, die nicht in so einer glücklichen Lage sind wie ich. Und ich denke, die wirklich schwierige Zeit, die wird erst kommen. Die Auswirkungen werden noch viele Jahre spürbar sein. Da sollte man sich geistig darauf einstellen, dass das was bis jetzt passiert ist, noch relativ harmlos war. Die Rechnungen für das alles, werden wir erst noch bezahlen müssen. Das wird mitunter richtig ungemütlich. Aber auch das wird vergehen.

Klingt nach einem relativ pessimistischen Schlusswort. Ich dachte, du bist Optimist? Zweckoptimist bin ich dann doch nicht. Es wäre schon etwas naiv zu glauben, dass das alles schnell wieder vorbei ist und es keinerlei Langzeitfolgen haben wird. In vielerlei Hinsicht. Die Zukunft ist wohl so ungewiss wie schon lange nicht mehr, das ist aber für mich nicht unbedingt nur negativ.

Von draußen drängt mittlerweile schwarze Nacht gegen die Fenster des Cafè Schopenhauer. Die Kaffeeränder an unseren Tassen sind längst eingetrocknet, auf unseren Tellern liegen nur noch Krümel und an den umliegenden Tischen wird Schnaps zum Wein bestellt. Auch mich überkommt die Lust auf ein Gläschen Weißwein. Vielleicht entlocke ich Ashley ja noch die ein oder andere nostalgische Geschichte. Zum Beispiel aus den 2000er Jahren, in denen er Solar Lodge Labelgründer Artaud Seth kennenlernte und WHISPERS IN THE SHADOW zusammen mit GARDEN OF DELIGHT tourten.

YESTERDAY IS FOREVER ist das vierte Album, das auf Solar Lodge rauskommt und ab sofort erhältlich ist.

Band Picture by Werner Nowak / stills.eraserhead.at

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