WHISPERS IN THE SHADOW – GILDING THE LILY „Retrospektive ohne Retroklang“

Das letzte Mal als Solar Lodge Magazin mit Ashley Dayour über seine Rockband WHISPERS IN THE SHADOW sprach, betonte der Frontman mehrfach seine Abneigung gegenüber Nostalgie und Vergangenheitsverklärung. Ein Jahr danach, im vergangenen Herbst, veröffentlichten die Wiener ihr neues Album GILDING THE LILY (A Retrospective 1996 – 2021), auf dem sie auf 25 Jahre Bandbestehen zurückblicken. Gewann die nostalgische Stimmung doch noch die Oberhand? „Keinesfalls!“, lacht Ashley. „Dieses Jubiläum war einfach ein guter Anlass dazu, eine Veröffentlichung als Special Double Vinyl Gatefold herauszubringen.“

Während 25-jährige Jubiläen traditionell mit Silber assoziiert werden, zielen WHISPERS IN THE SHADOW zumindest mit der Titelwahl gleich auf eine Goldene Schallplatte ab, indem sie Lilien veredeln. Wie schon auf dem Vorgänger YESTERDAY IS FOREVER beweisen sie damit Sinn für Humor. Denn GILDING THE LILY heißt im übertragenen Sinn: übers Ziel hinausschießen, indem man etwas ohnehin Perfektes durch weitere Bearbeitung zerstört. Tatsächlich findet sich auch klanglich keine Spur von Vergangenheitsverklärung. Statt Altbekanntes neu zusammenzustellen, ging die Band zurück ins Studio, um einen Großteil der 21 Songs neu einzuspielen und abzumischen. Insofern zwinkert der Titel auch all jenen Ewiggestrigen zu, die alles Gute im früher verorten und die ursprünglichen Versionen für besser halten.

Das Ergebnis klingt wie ein zeitgemäßes Goth-Doppelalbum aus einem Guss, das Fanherzen höherschlagen lässt und sicher auch neue Musikfans für sich gewinnt, an denen WHISPERS IN THE SHADOW bisher vorbeigegangen ist. „Uns war es wichtig, die ganze Bandbreite unseres Schaffens abzudecken. Es ist sind einige Songs drauf, die ich vielleicht nicht für unseren Besten halte, aber auf jeden Fall für die Entwicklung der Band am wichtigsten. Das ist wohl auch der Unterschied zu einer „Best Of.“ So fehlen zwar einige der bekannten Songs wie BLOOD, SWEAT & TEARS, sowie lange, epische Nummern aus dem okkulten Zyklus von 2008 bis 2014. Dafür kramten sie alte Songs wie DROWNING LIKE THE MOON, SONG FOR THE RADIO und THE NIGHT TURNS raus und hauchten ihnen neues Leben ein. „Diese Tracks aus der Perspektive von heute zu interpretieren, hat besonders viel Spaß gemacht.“ Das hört man den Nummern ebenso an, wie die gesangliche Weiterentwicklung von Ashley. „Und dann gibt es noch Songs, die ein bisschen in Vergessenheit geraten sind, die es aber verdient haben, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. HALOES AT DAWN oder PILLOWCASE zum Beispiel. Gerade Ersteres zeigt eine ganz andere Seite von uns, die manch einem vielleicht gar nicht so bewusst ist. Dieses Kammermusikalische mit den Streichern. Wir haben das zwar nicht oft gemacht, aber es zeigt, was für ein breites Spektrum an Sounds und Atmosphären wir in 25 Jahren erforscht haben.“

BACK TO THE WOUND hingegen geriet nie in Vergessenheit und zählt seit zehn Jahren zu den Favoriten unter Fans. Zur Veröffentlichung von GILDING THE LILY erhielt es endlich ein offizielles Video. „Das Video ist wieder in Zusammenarbeit mit Edie Calie entstanden, die für alle unsere Clips verantwortlich ist. Wir wollten schon damals, als der Song rauskam, ein Video dazu machen, aber uns fehlte die zündende Idee. Zum Glück. Vor zehn Jahren wäre es vollkommen anders geworden. Das jetzige Video wird dem Song wirklich gerecht und übersetzt die Stimmung sehr gut in Bilder.“ Textzeilen wie: „You might wonder how to deal with the pain, you might wonder what if there isn’t any escape from here again“, scheinen ohnehin direkt aus der Gegenwart gerissen zu sein. Der Kampf mit den eigenen Dämonen verjährt nicht, nur die Fratzen verändern sich mitunter. „Es war spannend, den Text mit der heutigen persönlichen Erfahrung neu zu singen. Der Blickwinkel des Songs ist etwas distanzierter, aber keineswegs weniger emotional. Die Emotionen dahinter sind andere.“

Im vergangenen Vierteljahrhundert veränderten sich aber nicht nur Emotionen, sondern auch Gesichtszüge. „Bisher empfand ich das mit dem Altern sehr positiv. Auf gar keinen Fall würde ich wieder jung sein wollen. Aber frag mich das in 20 Jahren noch mal“, lacht Ashley. „Na gut, man sieht vielleicht besser aus, aber von der Entwicklung her und wie man die Welt um sich wahrnimmt, da würde ich nicht tauschen wollen.“ Als junger Musiker ging Ashley das Songwriting unschuldiger und unbedarfter an. Er machte sich noch nicht die gleichen Gedanken wie jetzt, nachdem er in seiner Karriere Hunderte Songs geschrieben hat. „Zugegeben, das wird mit der Zeit nicht unbedingt einfacher. Nicht, wenn man sich noch entwickeln will und diesen Anspruch an sich selbst hat. Aber man findet immer einen Weg.“

Einen Weg, auf dem Ashley gute Gesellschaft hat. Denn neben Sturheit und dem Drang, etwas erschaffen zu wollen, dass er selbst mag, ist vor allem die Freundschaft zu seinen vier Bandkollegen ein treibender Faktor, warum es WHISPERS IN THE SHADOW schon so lange gibt und wohl auch noch einige Jahre geben wird. „Aufgrund unseres Alters bringt man uns mittlerweile einen gewissen Respekt entgegen, der vorher nicht vorhanden war. Das ist erfreulich, aber auch ein bisschen beunruhigend. Als Nächstes schreiben wir dann unser großes, von Altersmilde und Weisheit durchdrungenes, bedeutungsschweres Akustik-Album“, scherzt Ashley und relativiert sofort: „Nein, keine Ahnung, wohin die Reise geht und wie lange es dauern wird. Es gibt ein paar Ideen, vieles ist möglich.“

Ob zukünftige Alben so wie GILDING THE LILY auch auf Vinyl erscheinen werden, lässt Ashley ebenfalls offen. Vinyl zu produzieren sei wegen der mangelnden Ressourcen und langen Produktionszeiten zum Nervenkrieg geworden. „Man muss das fertige Album mittlerweile acht bis zehn Monate vor Release abgeben. Das ist witzlos.“
So lange dauert es hoffentlich nicht mehr, bis WHISPERS IN THE SHADOW das nächste Mal live performen. Die kommenden Konzerte werden, mit einem Jahr coronabedingter Verspätung, noch ganz im Zeichen des Jubiläums stehen. Allen voran der 25 Jahre (+1) Gig auf dem diesjährigen Wave Gotik Treffen. „Für die Setlist lassen wir uns was Besonderes einfallen. Aber nach zwei Jahren Konzertpause wird es so oder so was Besonderes werden.

GILDING THE LILY ist in zahlreichen Farbausführungen erhältlich unter: https://whispersshop.bigcartel.com/

Jubiläen drängen formlich darauf zurückzuschauen. 2016 veröffentlichten WHISPERS IN THE SHADOW anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens ein ausführliches Interviewspecial in dem sie die gesamte Bandgeschichte Revue passieren lassen: https://youtu.be/7dE3x48CeoI

Bandpicture by Werner Nowak

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

Latest from SKRIPTORIUM

NEAR EARTH ORBIT

What if, one day, foreboding turns into reality? What if no “reboot…

Go to Top